Vergnügliche Geschichtsstunde

Schiffe nach Amerika | | , | 1998 |

“Sie entpuppten sich weder als Schmuggler noch als Devisenschieber, die Grenzgänger aus Bremen und erhielten daher im Weilerbacher Bürgerkellergewölbe nicht nur Asyl, sie wurden mit Begeisterung aufgenommen. Wieder einmal erwies sich der Dreschflegel als Top-Adresse für anspruchsvolle Kleinkunst.

Eine illustre Zeitreise durch zwei Jahrhunderte deutsch-amerikanische Beziehungen machten Michael Zachcial und Jörg Fröse mit dem hellwachen Publikum, wobei sie auf faszinierende Weise im Geschichtsbuch der Auswanderungen nach Amerika blätterten. Wer sich jetzt gleich in Erinnerung an einen verstaubten Geschichtsunterricht seiner Schulzeit abschrecken läßt, tut den beiden unrecht: Eine ganz vergnügliche Geschichtsstunde war es, und gewürzt dazu mit viel musikalischem Pfeffer und Paprika.

Als Grenzgänger verstehen sich die beiden im doppelten Sinn: Zum einen in thematischer Hinsicht, wenn sie dem Zuhörer mit der eigenen deutschen Geschichte gleichsam einen Spiegel vorhalten und für eine moderne, gerechte und tolerante multikulturelle Gesellschaft einstehen. Grenzgänger in musikalischer Hinsicht bedeutet, daß sie keineswegs in irgendwelche Schubladen einzuordnen sind, sondern ungeheuer visiert die vielfältigen kulturellen Strömungen integrieren.

So ganz nebenbei bekommen viele – oft ganz fein nuanciert und fast unmerklich – ihre Seitenhiebe. Sei es der American Way of Life, der jede eigenständige Kultur zerstört, um seine Kühlschränke exportieren zu können, oder die Politiker, die das schlimme Wort vom “Wirtschaftsasylanten” geprägt haben. Nach heutiger Interpretation, so Michael Zachcial, seien alle deutsche Emigranten Wirtschaftsasylanten gewesen. Zu denken gab das Zitat eines amerikanischen Wahlredners aus dem 19. Jahrhundert, der vor der Einwanderung der Deutschen warnt, weil dieses “undemokratische Geschmeiß” in großer Zahl das Land aufkaufte. Ihr Fett weg bekommen auch die deutschen Nationalisten, wenn Michael Zachcial – ein Rezitator von hohem Rang – von den deutschen Zechern am Missouri erzählt und dabei als Festredner, der ein Loblied auf deutsches Glück und deutsche Herzen singt, eine schauspielerische Glanzleistung vollbringt. Er persifliert, ironisiert und aktualisiert, daß es eine Pracht ist. Schließlich bleiben auch die heutigen Politiker mit ihrer Kompromißfreudigkeit nicht verschont.

Fesselnd waren die Zitate aus dem Tagebuch von Friedrich Gerstäcker von 1837, das die Qualen der abenteuerlichen Überfahrt plastisch vor Augen führte, aber auch die immensen Hoffnungen und Erwartungen auf das Land der unbegrenzten Möglichkeiten ahnenläßt. Besinnlich stimmt, was Gerstäcker schreibt: “Wenn die Menschen mit ihrer Freiheit nichts anderes vermögen als sich vollaufen zu lassen,was soll da aus ihnen werden.?”

Anleihen nehmen sich die flexiblen Grenzgänger, die auch die Tür zum politischen Kabarett weit aufstoßen, von ihren großen Vorgängern: von Friedrich Hecker, Walter Mehring, Kurt Tucholsky, Franz Josef Degenhardt, Wolf Biermann. Sie interpretieren die Lieder und Chansons aber auf ihre eigene, eigenwillige Weise. Da trifft Polka auf Blues, Folksong auf Tango, Musette auf Rock´n´Roll, Chanson auf Volkslied. Sie parodieren Bonanza und lassen Zitate aus Bernsteins “Westside Story” anklingen. Praktisch vollziehen sie den ganzen amerikanischen Schmelztiegel mit schottischen, irischen, österreichischen, italienischen und orientalischen Einflüssen nach, ohne daraus einen musikalischen >Brei zu rühren. Zu kurz kommt auch nicht die echte deutsche Volksliedtradition, die sich auf demokratischer Spurensuche bewegt, und die “dümmlichen” Wiederbelebungsversuche eine “Musikanten-Stadl” ablehnen.

Musikalische Paradestücke leisteten die Musiker, wenn sie mit Quietschen auf den Gitarrensaiten das Knarren der Schiffsbalken oder mit brillantem Spiel auf Geige, Mundharmonika, Akkordeon und Gitarre eine ausgelassene Fahrt auf der Eisenbahn imitierten. Kleinkunst ganz groß. “Kannibalisch wohl” fühlten sich die Zuhörer – wie die “brüllenden Löwen” und die “niesenden Elefanten” in der Zugabe .”

Walter Falk in: Die Rheinpfalz Nr.113 , KULTUR


X